Mal ohne ARD: Corona, Kafka & der »eingeschränkte Normalbetrieb«

Erst infiziert ein Virus den Amtsschimmel, dann brechen bei uns Regelwut & Verbotswahn aus. Danke! Interesse am unerlaubten Abenteuer? Lust auf Nervenkitzel? Gib es jetzt schon beim Besuch der Bibliothek der Uni Tübingen. Mein beispielhaftes Protokoll über planlose Bürokratie, wie sie gerade das ganze Land krank macht



Die wichtigsten Fragen vorweg: Warum ausgerechnet eine Bibliothek? Will dort überhaupt jemand freiwillig hinein? Wenn es mittlerweile fast unmöglich ist, dort hineinzukommen, wäre Fort Knox dann nicht das lohnendere Objekt der Begierde? Vielleicht, aber ich suche Fachbücher - selbstverständlich nur zum Lesen und Kopieren. Diese Paragrafen-Wälzer sind ebenso selten wie teuer. Sie kosten etwa 150 Euro pro Stück, und wer das für Wahnwitz hält, dem bleibt eben nur der Gang in die Uni.


Die Vorgeschichte beginnt bereits im Juni: Der Anwalt Thorsten Bölck und ich, wir möchten damals das Rad mit einem neuen Prozess rund um den Rundfunkbeitrag weiter drehen. Ausgangspunkt ist der Prozess in Hessen über die Automaten-Bescheide der ARD.


Die Akten sollen endlich auf den Tisch: Was lief damals zwischen den Staatskanzleien der Länder und unserer ARD? Was wurde beim Treffen im Februar 2018 besprochen? Wie kann es sein, dass sich die ARD einfach so neue Paragrafen wünscht? Wie kann es sein, dass die Politik so lautlos diese Wünsche erfüllt? Wie kann es sein, dass unsere Landtage 2019 einen neuen, bürgerfeindlichen Paragrafen für den Rundfunk einfach so abnicken? Wie kann es sein, dass unsere Parlamentarier als eigentlicher Gesetzgeber nicht einmal mehr genau erfahren, was sie da abgenickt haben?


Unsere schriftlichen Anfragen an die Staatskanzleien der Länder bleiben im Juli und August erfolglos. Man gibt sich zugeknöpft, beinahe schon arrogant. Dokumente oder Protokolle? Nein! Gespräche und Abstimmungen mit der ARD? Bleiben vertraulich! Die Tür in das Hinterzimmer der Politik bleibt zu!


Möchten Bürger diese Tür auch nur einen Spalt weit öffnen, dann gefährden wir "die Beziehungen der Bundesländer untereinander". Diese dreiste Antwort liegt nun auf dem Tisch anstatt der ersehnten Dokumente. Damit sind wir nicht zufrieden. Eigentlich ist das ein wunderbarer Beginn für einen neuen Prozess. Er findet am Verwaltungsgericht Potsdam statt, und ich bin der Kläger.


Mehr dazu erfahrt Ihr in einem Video, dass sich gerade im Schnitt befindet


Nun aber zu Kafka & Corona: Stein des Anstoßes ist ein harmloses Telefonat. Thorsten Bölck spricht mit mir über diesen und jenen Paragrafen, der uns im Prozess noch hilfreich sein könnte. Ich möchte es genau wissen und frage den Anwalt, wo man mehr darüber erfährt. Bölck nennt mir drei juristische Kommentare, das klingt nach wenig. In Wahrheit sind es aber ziegelsteingroße Wälzer, meist 2.000 Seiten dick, und eben sehr teuer.


Drei Mal 150 Euro ergibt 450 Euro. Wer in Tübingen sparen will, der ist schlau und geht in die Uni - genauer gesagt in die Bibliothek der Juristen in der Neuen Aula. Das letzte Mal bin ich dort wegen der Recherchen zu meinem Buch gewesen. Ich bin damals einfach hinein spaziert und bekam mehr spendiert, als ich wollte: Alle Kopien gingen auf eine Studentenkarte, als Bonus gab es Kaffee und nette Gespräche - das war wie in einer anderen Welt, das war Nähe, das war vor Corona. Trotzdem: Wie verrückt kann es beim Besuch einer Bibliothek heutzutage schon zugehen? Unwissenheit ist manchmal wirklich ein Segen ...


Erster Versuch: Die Deadline, sehr frei nach Charles Dickens


Schon ein paar Zeilen auf der Webseite der Uni genügen und meine Augen werden größer und größer: "eingeschränkter Normalbetrieb". Eigentlich müsste EINGESCHRÄNKT groß- und normalbetrieb kleingeschrieben werden. Eigentlich müsste dort stehen: Theoretisch haben wir offen, aber praktisch kommt hier nicht einmal eine Spitzmaus rein. Nein, das ist nichts für mich. Als Opfer des "eingeschränkten Normalbetriebs" könnte ich alt werden und sterben - bestimmt nicht an Corona -, bevor ich auch nur einen der Wälzer kopieren kann.


Denken wir wie ein Journalist: Wer drin sitzt, wird mir bestimmt ganz unbürokratisch Zugang verschaffen, oder? Hoffe ich. Also versuchen wir es über das Handy: Ich bin ein armer Autor mit einer Deadline. Noch heute muss mein Fachbeitrag zu einem verflixt komplizierten Paragrafen fertig werden, noch heute muss ich dafür diese drei Wälzer lesen. Es ist noch kein Essen auf dem Tisch, und der Geldbeutel ist leer. Bitte gewährt das Bücherei-Asyl!


Soweit also die Legende, sehr frei nach Charles Dickens. Selbst Oliver Twist & David Copperfield hätten da bittere Tränen um Markus Mähler geweint, finde ich. Leider fruchtet nicht einmal das. Blöder Charles Dickens, dass mit den fünf Kindern ohne Mutter hätte ich mir wohl verkneifen sollen. Drei herzlose Damen und drei Abteilungen später meldet sich die nackte Verzweiflung. Hat Markus Mähler etwa zu dick aufgetragen?


Alle Gespräche scheitern aber nicht an Dickens, sondern an der gleichen Logik, wenn man sie so nennen darf: Wer hier arbeitet, dem darf es schlichtweg egal sein, ob überhaupt noch jemand hinein kommt - ganz im Gegensatz etwa zu einer Buchhandlung. Wo Staatsknete fließt, da verschieben sich eben die Prioritäten, da wird die penible Umsetzung von wirklichkeitsfremden Auflagen offenbar zum Einzigen, was noch zählt.


Zweiter Versuch: Landen meine supersensiblen Daten etwa in Holland?


Der Name ist Programm: Die Damen am Telefon empfehlen mir, mich endlich dem "eingeschränkten Normalbetrieb" zu unterziehen. Das wäre der einzige Weg, nur dann darf ich meine Nase in diese Wälzer stecken - selbstverständlich durch eine Maske geschützt.


Also unterziehe ich mich endlich dem Programm: Antragsformular ausfüllen, Personalausweis einscannen (Vorder- und Rückseite). Soll ich noch ein Motivationsschreiben, eine Meldebescheinigung, den Lebenslauf oder ein paar Pralinen beifügen? Nein, ein paar sorgsam gewählte Zeilen in der Mail sollen genügen. Ein Anruf und kluge Worte beschleunigen die Aufnahme in den begehrten Kreis der Besucher bestimmt auch. Hoffe ich.


Ich bekomme am Telefon die Auskunft, dass das man keine genaue Auskunft geben könne. Manchmal ginge es auch sehr schnell - unter Umständen. Wann wird das sein? Hängt es mit den Mondphasen zusammen? Wie schnell ist denn schnell in einer Amtsstube? Keine genauen Auskünfte!


Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter. Ich warte, warte, warte und gieße nebenbei meine einzige Blume und rufe stündlich das Postfach ab. Irgendwann ist sie dann da: Die Mail mit einer Ausweisnummer. Endlich am Ziel! Hoffe ich.


Nein! Nach der Anmeldung ist vor der nächsten Anmeldung - jetzt im Buchungssystem des externen Dienstleisters, eine niederländische Firma namens SuperSaaS. Die erfasst alle Besucher in Tübingen penibel und verteilt sie auf mehrere Zeitfenster, nie dürfen es mehr als 40 zur gleichen Zeit sein. Auch hier fülle ich alles aus und denke mir: Datenschutz? Ach, wir haben doch Corona! Wenn ich schon nicht mehr selbst in Holland landen darf, dann dürfen es wenigstens meine Daten, oder?


Endlich darf ich ein Zeitfenster buchen und fliege sofort mit einer Fehlermeldung aus dem System: Es gibt eine Vorwarnzeit von mindestens fünf Stunden, die ist überschritten! Das dritte Zeitfenster am Tag ist überhaupt nicht zu buchen! Also wird es heute wieder nichts. Ich glaube, das holländische Supersystem "TueBibExt" ist Käse und wundere mich über das Wort "Vorwarnzeit". Werten die Holländer bereits den drohenden Gang in die Bibliothek als Kriegserklärung? Überhaupt ist diese Seite ein orthografischer Albtraum: "Buchungssystem für UB Tübingen für Externe".


Dritter Versuch: Der Tobsuchtsanfall vor Fort Knox


Neuer Tag, neuer Versuch. Das nächste Zeitfenster war beinahe schon voll: 38 von 40 Besuchern haben bereits bei den Holländern gebucht, jetzt aber schnell! Später kommt mir auf der kurzen Fahrt mit dem Auto ein Gedanke: Was für eine Kopfgeburt, was für ein überkomplizierter Schwachsinn!


Eigentlich dürfen wir uns in Tübingen gerade so sicher fühlen wie in Abrahams Schoß. In keiner anderen Stadt steckt ein Corona-Infizierter weniger Menschen an. Der Wert liegt bei etwa 1,25. Zum Vergleich: Leipzig kommt auf einen Wert von etwa 25. Natürlich muss es für Ansteckungen erst einmal Infizierte geben, die noch in freier Wildbahn herumtollen. Hier thront ein überdimensioniertes Universitätsklinikum über der Stadt und sorgt dafür, dass die Bürger peinlich genau untersucht werden, da ist die Stadt deutschlandweit an der Spitze. Der Corona-Live-Ticker bestätigt es: "Aktuell versorgt das Uniklinikum insgesamt einen mit dem Coronavirus infizierten Patienten." Außerdem forscht die Hopp-Firma Curevac in Tübingen am Impfstoff. Wäre ich Corona, würde ich mich hier nicht mehr blicken lassen.


Natürlich wissen wir auch: Fallen die Wörter Corona und Pandemie, ist der gesunde Menschenverstand zuverlässig immer unter den ersten Opfern. Kommt bloß nicht auf Gedanken! Also, steigen wir aus und wappnen uns. Es geht zwar in eine Bibliothek, aber das fühlt sich an wie der Haftantritt in einer Lepra-Kolonie.


Am Handy lese ich noch einmal alle Warnungen in der Mail: Hygieneschutzwände, Masken, Sicherheitsabstand & Wachmänner. Ja! Ein Wachmann wird mich gleich nach meinem Namen, dem gebuchten Terminfenster, dem Personalausweis und dem Benutzerausweis fragen. Zum Glück werde ich wohl nicht nach meiner Steuererklärung gefragt.


Apropos: Benutzerausweis. Den brauche ich, um hinein zu kommen. Hinein komme ich aber nur mit diesem Ausweis, den ich noch nicht habe. Da haben wir also das Henne-Ei-Problem. In der Mail steht: Dann kommt das "Stammpersonal" aus dem "Ausleihzentrum". Wenn aber gar kein "Stammpersonal" mehr da ist, was vor die Tür kommen kann, um mich durch diese "Zugangs-Kontrolle" zu lotsen?


Murphys Gesetz besagt: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Ich ergänze dieses Gesetz nun: Natürlich geht es immer schief - aber aus einem anderen Grund als dem, mit dem wir rechnen.


Meine Buchung ist nämlich wertlos. Sie gilt ein paar Meter weiter schon nicht mehr. Die Bibliothek der Juristen betreibt ihr eigenes Buchungssystem, vermutlich mit einer anderen Superfirma aus Holland. Die autonome Bücherinsel der Juristen wurde aber mit keiner Silbe erwähnt: Die Webseite der Universitätsbibliothek schweigt sich dazu aus; dort steht nur, dass sich die "Bereichsbibliothek Morgenstelle" eine Extrawurst leistet. Tübingens Paragrafenreiter setzen insgeheim noch einen drauf und leisten sich das Untersystem im Untersystem: Die "Alte Physik" ist auch wieder nur separat zu buchen.


Interessiert das hier überhaupt jemanden, der nicht im Hamsterrad gefangen ist? Nein, aber ich möchte nicht der Erste sein, der in Tübingen einen verzweifelten Amoklauf beginnt. Morgen würde in der Zeitung bloß stehen: Für ein paar Bücher mehr ...


Vierter Versuch: "Ihr könnt mich am Arsche lecken!"


Nur einen winzigen Tobsuchtsanfall später besuche ich die Webseite des zweiten Buchungssystems, aber schon der erste Blick verrät: Bürokratisch betrachtet bin ich jetzt am Ende. Austherapiert! Dieses System wird zwar von der gleichen holländischen Superfirma betrieben, allerdings funktioniert die Registrierung hier nur noch mit einer Mail-Adresse der Uni Tübingen.


Während ich die paar Meter auf der Wilhelmstraße zur Aula laufe, reift ein Entschluss: Wo der bürokratische Schwachsinn an der Wirklichkeit scheitert, da bediene dich deines eigenen Verstandes! Hier ist die Bibliothek der Juristen, hier warten die Wälzer auf dich. Sieht das nicht aus wie ein Baum, der schwer an seinen Äpfeln trägt, die reif sind zum Pflücken?


Natürlich nur im übertragenen Sinne: Ansonsten müsste ich jetzt mit einer Feile an den Fenstergittern im Erdgeschoss sägen. Ich müsste eine Leiter aus dem nächsten Baumarkt holen und in die unvergitterten Fenster weiter oben einsteigen. Ich müsste durch den Seitenhof schleichen, wo die Angestellten ein und aus gehen. Nein, all das will ich nicht. Ich will nur etwas tun, was vor ein paar Monaten noch das Normalste der Welt war. Ich will hineingehen, einfach so, unkontrolliert und nicht überwacht.


Der hintere Eingang der Aula ist jetzt der Haupteingang in die Bibliothek. Vielleicht ist dann der Haupteingang am Geschwister-Scholl-Platz mein Schleichweg ins Glück? Den Versuch ist es wert, denn zu verlieren habe ich nichts mehr.


Ich stehe also vor einer Glastür und dort steht in weißen Buchstaben auf rotem Grund: "STOP!" Vermutlich ist es nur ein holländisches Wort und bedeutet: Herzlich willkommen! Wer weiß das schon, denn ich kann kein Holländisch. Wir sollten diesen seltsamen Menschen einfach vertrauen; schließlich regulieren sie jetzt den Zugang an deutschen Unis. Auch das Wort "Ausgang" klingt sehr holländisch und ist bestimmt so zu übersetzen: Bitte beherzt eintreten!


Bloß noch einen Schritt, aber so viele Bedenken: Ist das jetzt schon ein Bußgeld wert? Auf alle Fälle ist es ein schlechter Witz, denn es geht ja ausgerechnet um den Zutritt in eine juristische Bibliothek. Plötzlich spüre ich eine eiserne Hand auf meiner Schulter, und sie reißt mich herum.


Natürlich: Götz von Berlichingen, wer sonst? Er sagt polternd: "Bursche, die können uns am Arsche lecken!" Götz will ab hier übernehmen. Eine fiktive Figur auf konjunktiver Mission hat außerdem keine Meldeadresse, also kann ihr auch kein Bußgeld zugestellt werden.


Götz tritt ein und wundert sich: drinnen ist niemand zu sehen, nichts ist zu hören, absolute Stille. Es fallen bloß ein paar rote Pfeile ins Auge. Sie zeigen auf dem Boden einmal in diese Richtung, ein anderes Mal aber in die entgegengesetzte Richtung. Verwirrend, also holländisch. Links, leere Hörsäle, rechts, leere Gänge, geradaus und endlich: Hinter einer Schiebetür geht es in die Bibliothek der Juristen. Götz studiert noch einmal die Korkwand neben der Tür: Auf drei Blättern wird das holländische System erklärt: "Der Zugang zum Juristischen Seminar ist nur mit einem gebuchten Platz möglich." Als "Externer" habe ich aber gar keine Chance, einen Platz zu buchen.


Zum Glück habe ich Götz. Er marschiert durch die Schiebetür und murmelt selbstbewusst auf Schwedisch: "Hej!" Eine Dame an der Theke blickt streng auf, nickt dann aber nur kurz und beiläufig. Das war also das geheime Superpasswort für SuperSaaS? Offenbar schon, denn die Holländer prahlen schließlich auf ihrer supereinfachen Webseite: "Wir vergleichen uns gerne mit IKEA."


Ich wäre wohl gescheitert, und zwar mit: Sesam, öffne dich! Götz steigt aber auf knarzende Leitern, er fingert in zwei Metern Höhe die Paragrafen-Wälzer aus den steilen Regalen, er kopiert, und er tut noch etwas: Götz zählt. Ein leerer Raum und noch ein leerer Raum und noch einer, so geht das Stockwerk um Stockwerk. Insgesamt sind gerade weniger als zehn Menschen in der Bibliothek. Der Sicherheitsabstand von anderthalb Metern wird zu 150 Metern! Und dafür dieser ganze Affentanz? Zum Glück musste ich das nicht mitansehen, ich hätte vor Wut gekocht.


Unter dem Strich stellt sich für mich nur noch eine Frage: Irgendwo und weit entfernt muss ein machiavellistischer Giftzwerg zwischen Aktenstapeln sitzen. Vielleicht reibt er sich diebisch die Hände, vielleicht weiß er nicht einmal, was er vor seiner Amtsstube anrichtet. Vielleicht lebt er ganz in seiner Papierwelt. Ich würde diesen Giftzwerg gerne kennenlernen; um ihn rechtzeitig vor der nächsten Pandemie in einer Lepra-Kolonie irgendwo im Pazifik auszusetzen - einfach nur zu unser aller Sicherheit.

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