Sparen tut weh – gerade bei Sotheby’s

ARD und ZDF dürfen sich ab 2021 wohl über 1,5 Milliarden mehr freuen. Dabei sollten die doch eigentlich sparen – nur wo? Achso: in den Depots ihrer Kunstsammlungen, bei Gemälden und Skulpturen. Dafür haben die Senderbosse jahrzehntelang Gebührengelder verwendet.


ARD-Boss Buhrow braucht wohl ein größeres Büro: 1,5 Milliarden wiegen in Euromünzen 11.000 Tonnen

Der Rundfunk darf wohl bald wieder mehr Geld eintreiben; nicht nur bei seinen Zuschauern, sondern bei allen, die wohnen. Der Rundfunkbeitrag – also die Haushaltsabgabe – soll Anfang 2021 wieder steigen. Das haben die Ministerpräsidenten jetzt beschlossen, die Landtage dürfen es noch abnicken. Es gilt bloß als Formsache.


Klingt deprimierend, also stellen wir uns etwas Verwegenes vor: Stellen wir uns Demokraten vor, die Demokratie wagen. Stellen wir uns Landtage vor, in denen keine Ja-Sager sitzen. In solch einer Welt wird der ARD noch ein Strich durch die Rechnung gemacht. Hoffnungen sind wie Träume, sie überleben oft nicht den nächsten Morgen, aber andererseits: 2020 ist 2020, oder? Es geht alles schief, da könnte wenigstens einmal das Richtige schief gehen: In einigen Landtagen hat sich Widerstand gegen das Milliarden-Plus für ARD und ZDF angekündigt. Vielleicht folgt bald der erste demokratische Denkzettel für die Herren des Rundfunkbeitrags.


Nun, es gibt einen, der möchte das um jeden Preis verhindern. Sein Kalender ist in den nächsten Monaten »voller weiterer Lobby-Termine«.  Er war Mr. Tagesthemen, er ist der bestens bezahlte Intendant des WDR, und er wird als ARD-Vorsitzender durch das Land touren. Gestatten: Tom Buhrow, unterwegs auf einer misslichen Mission. Eigentlich soll Buhrow ja den Politikern in den Landtagen erklären, wie die das bitteschön noch den Bürgern erklären können: ARD und ZDF bekommen einfach nicht genug. Die Sender sparen angeblich kräftig und seit Jahren; warum zahlen wir alle bald mehr statt weniger, weshalb bekommen die jetzt wieder 1,5 Milliarden oben drauf?



Tom Buhrow: früher Tagesthemen, heute Mr. ARD. Der Rheinländer zeigt auch beim Karneval gern Mut zur Größe

Bei den einen ist das Maß längst voll, die anderen haben noch lange nicht genug: So ist das eben. Niemand kann die Prunkfunk-Anstalten erklären, denn dort ist nichts so, wie es scheint. Was wirklich im Inneren dieses Flickenteppichs passiert, darüber lässt sich oft nur rätseln. Viele haben schon auf die Suche nach dem großen Warum begeben, nicht wenige sind dabei wahnsinnig geworden. Natürlich sollte Tom Buhrow all das erst recht nicht erklären. Welchen Joker hat der ARD-Boss also noch in der Hand, wie könnte er die Politiker in den Landtagen vom Milliarden-Plus beim Rundfunkbeitrag überzeugen?


Es ist erschreckend einfach: Statt sich zu erklären, könnte Mr. ARD sein Pokerface aufsetzen. Das Sender-Sammelsurium ist den Deutschen vielleicht nicht lieb, dafür aber sehr teuer geworden. Geht davon einiges verloren, dann gibt es immer auch die, die darum trauern werden; einfach, weil es so lange da war. Die Hauptarbeit beim Sparen ist es also, über das Sparen zu reden ausgiebig. Wirklich verzichten will in Deutschland doch niemand.


Buhrow könnte also breitbeinig wie ein Desperado auftreten, mit Zigarillo im Mundwinkel. Er könnte seine (leere) Pistole den sparverliebten Politikern auf die Brust drücken und mürrisch drohen: Ihr wollt uns also die paar Milliarden mehr beim Rundfunkbeitrag nicht gönnen? Ihr wollt den harten Sparkurs? Gut, dann sparen wir halt – aber auf Kosten der Zuschauer – und glaubt mir: Sie werden es spüren, und sie werden an Euch denken. Sie werden wissen, wer ihnen das eingebrockt hat.


So rechnet die ARD:

Sparen ist fürchterlich – und tut den Zuschauern weh!


Spiel mir das Lied vom Sparen: Manchmal reicht schon der bittere Vorgeschmack. Natürlich ist Tom Buhrow kein pistolenschwingender Desperado. Er ist überhaupt ein Netter und sagt lauter nette Dinge, gerade zum siebzigsten Geburtstag der ARD. Beim Jubiläum befragte ein ARD-Journalist pflichtgemäß seinen Boss, ob die ARD »denn noch mehr sparen« könne. Es folgte Buhrows gut einstudierter Monolog, warum das eine ganz schlechte Idee wäre. Später macht davon ein Satz die Runde:


»Wir sind jetzt an einem Punkt, wenn man sagt: ›Wir wollen euch kleiner‹, dann wird man es auch sehen und hören«

Heißt wohl übersetzt: Liebe Politik, wir haben keine Luft mehr. Wenn Ihr uns weiter zum Sparen zwingt, geht das zu Lasten der Zuschauer. Sie ist gut versteckt, aber sie ist da, die Pistole. Ach, unsere armen, milliardenschweren Anstalten: Jetzt wird also kräftig gespart, und wir sollen davon sehen und hören, indem wir bald weniger sehen und hören. Der NDR produziert ein paar Tatort-Folgen weniger! Grausam, wir haben doch nur über fünfzig Tatort-Kommissare. Außerdem wird die TV-Sendung Inselreportagen eingestellt! Schade, sagen da die letzten Zuschauer. Sie werden inzwischen wohl per Handschlag begrüßt. Mit der TV-Sendung Lieb und teuer ist es bald vorbei! Tragisch, denn Deutschland vermisst bestimmt eine seiner vielen Trödelshows.


Moment, habe ich hier etwa eine zu naive Vorstellung, wie das mit dem Sparen ablaufen sollte? Die ARD züchtet seit siebzig Jahren ein Dickicht. Eine Axt könnte Licht schaffen, etwa zwischen den 60 Radiosendern, zwölf Orchestern, acht Chören und vier Bigbands. Immerhin muss bereits eine lange Reihe von Spartenkanälen wie One, Tagesschau24 oder ARD Alpha ungesehen im Dickicht vor sich hinvegetieren, ohne eine echte Zukunftsperspektive. Immerhin vereinzelt erblickt wurden KiKA, Phoenix, Arte und 3sat.


Stattdessen wird es noch unübersichtlicher, noch ausufernder: Der Moloch breitet sich im Netz aus. Mediathek, Audiothek, Content Netzwerk für das junge Publikum. Die Rundfunkanstalten geben jeweils Millionen aus, um eine neue digitale Kulturplattform beim MDR aus dem Boden zu stampfen. Statt ausführlicher Erklärungen bekommen wir abstrakte Zahlen serviert. Sie sind ein Symbol und stehen für den Abbau von Planstellen in der Produktionstechnik. Was wird da wirklich abgebaut – und wo wird dafür draufgesattelt? Nichts Genaues weiß man nicht, aber es klingt doch nach einer wunderbar einfachen Geschichte. Genau darauf hat dann Focus Online gesetzt und titelt: »Öffentlich-Rechtliche im Sparmodus.«


Gehälter & Pensionen:

ARD und ZDF bieten eine »attraktive Versorgungslandschaft«


Es riecht nach Satire und vermutlich haben deshalb so viele auf die Schlagzeile geklickt. Unter dem Beitrag  des Focus finden sich dann aber 90 Kommentare; es sind enttäuschte Menschen, die die Mär vom großen Sparen bei ARD und ZDF nicht glauben wollen. Weil es einfach nicht zu dem passt, was wir Tag für Tag auf den Fernsehschirmen sehen. Über das Sparen beim Rundfunk gibt es Geschichten, die keiner geglaubt hätte ohne den entschuldigenden Nachsatz: ARD und ZDF eben...


Legendär waren ihre Sparpläne. Betriebsprüfer haben sich bei den Sendern umgeschaut und verließen die Anstalten am Ende mit offenen Mündern. Selbst solche Zahlenmenschen entdeckten ihre lyrische Ader und schrieben von einer »attraktiven Versorgungslandschaft«. Das ist erst vier Jahre her, es muss also immer noch so vieles geben, was bei ARD und ZDF ganz und gar nicht stimmt. Die Politik mahnte das konkurrenzlose Gehaltsgefüge an, die Pensionskassen bleiben für immer legendär; und wer dort nach Effizienz suchte, der sank hinab in ein tiefes Meer voller Anekdoten.


Darüber lesen wir heute wenig, seltsam; vielleicht, weil ARD und ZDF höchstoffiziell auf Sparkurs sind. So wünscht es sich die Politik. Dabei gibt es so viel, was beim besten Willen nicht mit dem Wort Sparen vereinbar ist. Etwa, dass der Rundfunkbeitrag Jahr für Jahr eine Rekordsumme nach der anderen in die Kassen spülte. Etwa, dass sich ARD und ZDF eine riesige Finanzierungslücke berechnet haben. Die ist alternativlos. Sie  kann nur noch durch eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags gestopft werden, wird gesagt. So sieht also die von der Politik verordnete Bescheidenheit aus; es gibt 1,5 Milliarden oben drauf. Weniger ist mehr, bitteschön.


Altes aus der Anstalt:

Gebührengelder wurden für Millionen-Gemälde verwendet


Sparen & Verschwenden beim Rundfunk: Dazu ist mir einer meiner Texte bis heute im Gedächtnis geblieben. Damals durften wir ungeniert von den Prunkfunk-Anstalten schreiben. Die ARD-Intendanten kauften über Jahre groß auf dem Kunstmarkt ein; nicht privat, es lief über die Sender. Mit der Zeit sind so ganze Sammlungen entstanden: »›Alle Sendeanstalten haben größere Bestände und eigene Depots‹, sagt Rudolf Großkopff, […] der früher auch die Kunstsammlung des Norddeutschen Rundfunks betreute. Den Bestand des NDR schätzt Großkopff auf etwa 400 Exponate


Echte Schätze eben, hunderte Bilder und Skulpturen. Damals kauften die ARD-Sender in Galerien, Katalogen oder Ausstellungen ein. Sie gaben sogar Bilder bei bekannten Künstlern in Auftrag. Lutz Marmor, der ehemalige Intendant des NDR, erklärte damals: Sein »Sender sei gesetzlich verpflichtet« gewesen, »überschüssige Einnahmen für Kunst auszugeben«. Das interpretiert den Programmauftrag für Kultur doch sehr großzügig und auch Rudolf Großkopff sah es damals anders: »Gekauft wurde nicht zwingend aus politischen Gründen. Sondern oft zum puren Schmuck. Es lag am Intendanten, ob erworben wurde oder nicht.«


Die Intendanten und ihre Kunstsammlungen – auch das haben wir einmal mit unseren Rundfunkgebühren bezahlt. 2016 ließ der WDR knapp 50 Bilder bei Sotheby’s versteigern. Alpweg von Ernst Ludwig Kirchner bringt damals in London 1,1 Millionen Euro ein, dicht gefolgt von Max Beckmanns Möwen im Sturm mit etwas mehr als einer Million.



3, 2 und für 1,1 Millionen deins. Der WDR versteigerte unter Intendant Buhrow Kunst-Schätze bei Sotheby’s.

Nein, das ist kein Sparen, das ist ein Eindämmen von Exzessen. Daran denke ich, wenn die ARD-Granden wieder vom Sparen reden. Ich glaube, dass wir Zuschauer oft nicht mehr sind als eine Verhandlungsmasse im großen Geschacher um unsere Rundfunk-Milliarden. Sparen, das wird dem Zuschauer wehtun, wir sollen es »sehen und hören«, diese Worte von Tom Buhrow machen die Runde, aber ich sehe und höre wenig davon. Ein paar andere Worte sollten stattdessen die Runde machen:


»Das Publikum geht immer mehr in verschiedene Nischen rein.«

Auch das sagte Tom Buhrow beim siebzigjährigen Geburtstag der ARD . Kann es ein klareres Eingeständnis geben, dass sich das Prinzip einer Rundfunk-Behörde längst überholt hat? Und dieses Argument kommt von der ARD in höchsteigener Person.


Wir leben in einer fragmentierten, digitalen Medienwelt, in einer Ansammlung aus lauter Blasen. Wir brauchen kein Programm mehr für alle. Der alte Rundfunk könnte sich also freudig in den Ruhestand verabschieden, er wird eigentlich gar nicht mehr gebraucht, die Tage der Massenmedien sind gezählt; wenn, ja wenn es nur nicht um so viel Geld gehen würde, das noch zu zahlen ist. ARD und ZDF möchten offenbar auch noch morgen im gewohnten und milliardenschwerden Maßstab leben. Wir dürfen diesen Traum weiter finanzieren und darauf hoffen, dass aus den Prunkfunk-Anstalten wie durch Magie etwas Neues entsteht. Darüber muss diskutiert werden: Was dort ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt und welches Modell für morgen wir schon heute gebraucht hätten. Es ist spät.


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